"Eine Frau, die niemals ihr eigenes Leben lebt"

Große Kunst im kleinen Haus: Premiere von „Clara Schumann – Die Patriarchin“ im Bandhaus-Theater Backnang endet mit stehenden Ovationen. Backnanger Kreiszeitung vom 02.12.2019

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"Wunderbares aus der Wunderbar"

Das Publikum feiert die neue Produktion des Backnanger Bandhaus-Theaters mit Leslie Roehm, Sarah Finkel und Georg Lorenz. Aus der BKZ vom 25.02.2019.

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Wunder gibt es immer wieder

"Wunderbares aus der Wunderbar"

Das Publikum feiert die neue Produktion des Backnanger Bandhaus-Theaters mit Leslie Roehm, Sarah Finkel und Georg Lorenz

 

„Wunder gibt es immer wieder“, hieß es bei der Uraufführung der neuen Bandhaus-Theater-Produktion. Der Schlagerabend über Frauenbilder und Männerrollen von früher bis heute bietet mehr als eine Musikrevue. Zeitgeist, mit zuweilen ernstem Hintergrund, kommt unterhaltsam und humorvoll verpackt daher.

 

Von Claudia Ackermann

 

BACKNANG. Es ist eine Reise durch 100 Jahre Schlagergeschichte. Ausgangspunkt war die Idee der Bandhaus-Theaterleiterin Jasmin Meindl, einen Beitrag zum Jubiläum „100 Jahre Frauenwahlrecht“ zu produzieren. Wie sich das Frauenbild und der Weg der Emanzipation im Laufe der Zeit verändert haben, spiegelt sich in Schlagern der jeweiligen Epoche wider. Viel geschichtliche Informationen und Theaterspiel sind eingestreut – und eine gehörige Portion Witz. Autorin und Regisseurin ist Gisela Maria Schmitz.

 

Eine Bar mit roter Stoffverkleidung bildet das Bühnenbild, das Manuel Kolip gestaltet hat, der auch für die Kostüme zuständig ist. Zwei Freundinnen, gespielt von Leslie Roehm und Sarah Finkel, die endlich mal vom stressigen Alltag als berufstätige Mütter ausspannen wollen, verschlägt es als einzige Gäste hierher. In der „Wunderbar“ mit Barkeeper Karl (Georg Lorenz) beginnt die musikalisch-szenische Reise in die Zeit, als das Frauenwahlrecht in Kraft trat.

 

„Raus mit den Männern ausm Reichstag“, heißt es in dem frechen Gassenhauer der Berlinerin Claire Waldoff. Die Schauspielerinnen und Sängerinnen wechseln die Kostüme, sodass die Zeit der Weimarer Republik lebendig wird. Barkeeper Karl wird zum Conférencier, singt ebenfalls und schlüpft in verschiedene Rollen. Dazwischen gibt es geschichtliche Informationen, etwa dass Frauen zum Hochschulstudium zugelassen wurden. An die Universität gingen sie allerdings nur, um Männer zu fangen, fügt Georg Lorenz als Meinung der damaligen Männerwelt an.

 

Die ausgelassene Zeit der 1920er-Jahre lebt auf. In Glitzerkleidern legen die Darstellerinnen mit dem Barkeeper einen flotten Charleston aufs Parkett. Schlager lassen das Publikum im ausverkauften Theater die verrückte Zeit nachempfinden, wenn Georg Lorenz singt: „Mein Gorilla hat ne Villa im Zoo“, Sarah Finkel lasziv einen Chanson haucht oder Leslie Roehm keck trällert: „Ich bin die fesche Lola.“ Am Klavier begleitet Heike Beckmann, die die musikalische Leitung bei der Produktion hat. Beim Potpourri mit „Veronika, der Lenz ist da“ oder „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans“ singen und klatschen die Zuschauer mit. Feierstimmung herrscht im Bandhaus-Theater. Doch plötzlich: Stille.

 

Die gerade noch ausgelassene Leslie Roehm streift mit ausdruckslosem Gesicht die Kittelschürze übers Glitzerkleid. Sarah Finkel trägt eine züchtige Frauenuniform, Georg Lorenz ein Hakenkreuz am Arm. Für die Frauen geht es im Nationalsozialismus wieder zurück zu Kindern und Küche. Berührend ist der Bericht von der nächtlichen Flucht mit den Kindern in den Bunker. Schlager sollen Zuversicht vermitteln: „Davon geht die Welt nicht unter“, heißt es im Lied von Zarah Leander. Nicht nur die Lieder machen die Produktion aus, auch das schauspielerische Talent der Darsteller.

 

Über die Zeit, in der die Frauen mit ihren Kindern auf sich allein gestellt waren, geht es zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland und in die 1950er-Jahre. Petticoat ist angesagt und eine heile Scheinwelt voller Harmonie und Glück. „Steig in das Traumboot der Liebe“, erklingt das Duett, das einst Caterina Valente und Silvio Francesco sangen. Die Werbung, die ganz auf das Heimchen am Herd zugeschnitten ist, wird mit Witz aufs Korn genommen. Herrlich, wenn die sanfte Hausfrau (Leslie Roehm) völlig ausflippt, weil ihr Gatte an ihren Kochkünsten herumnörgelt. Die Schauspielerin und Sängerin, die auch im Freiluftspektakel „Judith von Backnang“ mitspielte und Backnanger Wurzeln hat, zeigt viel komödiantisches Talent. Etwa, wenn sie sich voller Leidenschaft einen Neandertaler als Mann wünscht. Das Publikum biegt sich vor Lachen. „Frauengold“ preist die Werbung an. Was passieren kann, wenn man zu viel von dem alkoholhaltigen Stärkungsmittel einnimmt, zeigt urkomisch Sarah Finkel. Kein Wunder, dass sich die frustrierten Hausfrauen mit Hildegard Knef wünschen: „Für mich soll’s rote Rosen regnen“.

 

In die 1960er- und 70er-Jahre führt die Zeitreise zu Minirock, Pille, freier Liebe und kollektivem Samstagabend-Event im Fernsehen – ZDF-Hitparade mit Georg Lorenz als Dieter Thomas Heck. Bis in die Gegenwart führt der Schlagerabend, als sich die beiden Freundinnen in der „Wunderbar“ wiederfinden. Wie steht es mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nach 100 Jahren?

 

In dem zweieinhalbstündigen Programm wurde den begeisterten Zuschauern beste Unterhaltung mit witzig verpacktem, ernsthaftem Hintergrund geboten. Standing Ovations gab es bei der Premiere für die Macher und Darsteller.

 

 

Der szenische Schlagerabend „Wunder gibt es immer wieder“ ist im Bandhaus-Theater, Petrus-Jacobi-Weg 7, wieder am Samstag, 16. März, um 20 Uhr und Sonntag, 17. März, um 17 Uhr zu sehen. Weitere Termine gibt es unter www.bandhaus-theater.de.

 

Quelle: Backnanger Kreiszeitung Stadt & Kreis, 25.02.2019

Präsentieren einen wunderbaren Schlagerabend über Frauenbilder und Männerrollen: Leslie Roehm, Georg Lorenz und Sarah Finkel. Foto: A. Becher

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